Halloween geht also besser, vor allem besser über die Ladentheke; ist ungleich leichter zu kommunizieren. Dabei ist das mit den Ängsten, um die es an diesem Tag ja auch gehen soll, gar nicht so weit entfernt von Luthers Lebenswelt. Für den Reformator indessen war es der Höchste selbst, den er fürchtete, seinen Zorn; Angst bereitete dem jungen Augustinermönch Martin seine Überzeugung, Gottes Willen niemals gerecht werden zu können.
Der Erbacher Pfarrer Philipp Raekow hatte in diesem Jahr jedenfalls eine ziemlich gute Idee, wie man auch den Reformationstag so zu den Menschen bringt, dass sie gerne mitfeiern, anstatt des kommerzialisierten Festes, das aus Amerika kommt und sich so vieler begeisterter Anhänger erfreut. Raekow hatte zusammen mit Frank Muchlinsky, Redakteur beim Online-Portal evangelisch.de (Frankfurt), ins Erbacher Kirchengasthaus „Zum Bären“ eingeladen, zu Bier und Gemeinschaft. „Thesen vom Tresen“ hieß das Angebot. Bei einem guten Schluck und deftigen Süppchen (hier war der geschnitzte Kürbis im Topf gelandet) waren die Gäste eingeladen, Thesen über die Kirche der Gegenwart auf leere Bierdeckel zu schreiben, ganz im Sinne von Luthers Gedanken, dass die Kirche immerfort, mit dem Wandel der Zeit, reformiert werden müsse: „ecclesia semper reformanda“. Über die beschrifteten Bierdeckel galt es dann miteinander ins Gespräch und den Austausch zu kommen. Schließlich hieß es, die eigene Meinung mutig vorzutragen, aufzustehen und dafür einzustehen (hier abermals Luther: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“)
“Das haben wir schon immer so gemacht”
„Ist das Kunst oder kann das weg?“ zitierte Pfarrer Raekow eine sprichwörtlich gewordene Redewendung. So, meinte er, könne man, leicht abgewandelt, gewiss auch manchmal in der Kirche fragen: Was kann weg, wovon kann man sich verabschieden, ohne dass viel fehlt, ja, gleichzeitig des Wesentliche sogar wieder mehr zum Vorschein kommt. Der Satz „Das haben wir schon immer so gemacht“ könne getrost gestrichen werden, lautete beispielsweise eine Antwort. Vom permanenten Kreisen um sich selbst solle man sich auch verabschieden. Ebenso vom Jammern und der Vorstellung, dass auch bei Kirche früher alles besser war. Weitere Ideen, was „weg“ könnte: Konfessionsgrenzen, Kirchenbänke, Starrheit und Sturheit, politisches Engagement und dem Zeitgeist hinterher zu hetzen.
Wünschenswert hingegen wären „Kirche vor Ort“ (Gemeinde), mehr Orte lockerer Gemeinschaft, „eine Gastwirtschaft für jede Gemeinde“, modernere, fröhliche Musik, dem „Volk aufs Maul zu schauen“ (Zitat Luther), einladende Räume und Zeit-Räume für die Menschen zu schaffen sowie die Kirchensteuer nicht ans Gehalt zu koppeln.
Da die Pforte der Erbacher Stadtkirche genau gegenüber der Bären-Tür liegt und eben nun auch Reformationstag war, luden Philipp Raekow und Frank Muchlinsky dazu ein, die beschrifteten Thesen-Bierdeckel originalgetreu anzuschlagen. Einziger Unterschied: „Genagelt wird heute mit Klebeband“, erklärte Pfarrer Raekow, da die denkmalgeschützte Kirchentür ja noch gebraucht werde. Und während das reformatorische Gedankengut des Jahres 2026 am Kirchenportal seinen Platz fand, zogen Halloween-Gestalten vorbei, um nach Süßem zu jagen.
Begonnen hatte der Abend mit einer Annäherung an den Reformator. Der betrat in Form berühmter Zitate (einschließlich manchen derben Spruchs) und handfesten Lutherwissens den Raum. So war Martin Luther, 509 Jahre nach seinem Thesen-Anschlag an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg, gleichsam auch mit anwesend und inspirierte die Gäste zum kritischen Nach-Denken in seinem Sinn.
Bernhard Bergmann