Evangelisches Dekanat Odenwald

Autofasten im Selbstversuch

Fast(en) ohne Auto - Ein ErFAHRungsbericht

Schon lange habe ich ein ungutes Gefühl, weil ich in unserer wunderschönen Landschaft beruflich so viel mit dem Auto unterwegs bin: ins Büro und wieder nach Hause, aber auch in den Kirchengemeinden. Aber da ist halt auch immer die Überlegung: Wie sollte es anders gehen auf dem Land?
Vielleicht geht es ja viel besser als gedacht, zumindest teilweise. Mal sehen, ich bin gespannt!
Klar ist: Klimaschutz beginnt nicht in Brüssel oder Washington und mit keiner Verordnung. Klimaschutz beginnt in unseren Köpfen und vor unserer Haustür.

Mit diesen Gedanken, um die mich die Mobilberater Matthias Kusch und Marcel Bürner vorab gebeten hatten, bin ich Anfang März in eine Woche Autofasten gestartet. Odenwaldmobil hatte mit mir im Rahmen der Aktion "garantiert mobil" die Wette abgeschlossen: "Es ist im Odenwaldkreis möglich, eine Woche lang auf das eigene Auto zu verzichten und mit dem öffentlichen Verkehrsangebot auch weiterhin mobil zu bleiben."

Es geht los
Heute morgen geht es los: mit dem Bus vom Wohnort Reichelsheim nach Michelstadt. Ein Blick aus dem Fenster zeigt: Es schneeregnet. Da könnte es auf dem Lärmfeuer oder auf der Höhe zwischen Ober-Mossau und Steinbuch glatt werden. Ist mir heute aber glatt egal, weil der Busfahrer diese Verantwortung übernimmt.
Es ist ein gutes Gefühl, eine Karte in der Tasche zu haben, die überall im Kreis in Bussen und Zügen gilt. So gerüstet, mache ich mich gerne auf den Weg zur Haltestelle - bisschen spät, das merke ich, als ich aus dem Haus gehe und passe meine Schrittgeschwindigkeit an.

Die Route, welche der Bus nimmt, kommt mir - Gewohnheitsmensch auch hier - abwegig und mühsam vor; aber klar, Leute aus Fränkisch-Crumbach und dem Kainsbacher Tal wollen ja auch hinüber ins Mümlingtal. Dabei taucht dann auch schon gleich die Frage auf: Wie machen es eigentlich die Menschen aus dem Ostertal, aus Hutzwiese oder aus Brensbach? Das ist jedoch nur ein Nebengedanke, denn an einer Tankstelle fällt mein Blick auf die Anzeigetafel des Benzinpreises, und das ist ein Erlebnis: dass einem das so egal sein kann! Es wird diese Woche über auch so bleiben, und ich werde es gewiss hernach vermissen.

Aus steige ich drei Minuten vom Büro entfernt. Von da, wo ich sonst parke, habe ich es auch nicht näher. Lediglich beim Start hatte ich es weiter bis zum Fahrtantritt, steht doch das Auto direkt am Haus. Auf dem Rückweg wird es umgekehrt sein.

Der Bus wartet nicht
Später am Tag schaue ich auf die Uhr: Nein, das, was ich gerne noch fertiggemacht hätte, schaffe ich jetzt nicht mehr, ich muss los, und zwar sofort, lasse alle Blätter fallen, raffe meinen Kram zusammen und stopfe ihn in meinen Rucksack. Der Bus wartet nicht, weil ich noch einige Papiere abheften möchte. Das muss Zeit bis morgen haben.
Auf der Heimfahrt fällt mir besonders stark auf: Verschiedene Mitfahrende husten und niesen; da war doch was? Corona! Naja, wohl nicht gerade jetzt und hier. Hoffe ich einfach mal. Störlicher noch ist für mich im Moment das teilweise laute Gespräch Mitfahrender. Ich verstehe nicht, warum sich zwei Leute, die offenbar zusammengehören und sich viel zu sagen haben, mehrere Bankreihen voneinander entfernt setzen, um diese selbstgewählte Distanz dann sprachlich lauthals zu überwinden.

Ich nehme das mit dem Autofasten ernst, also lege ich auch im Ort Wege, für die ich normalerweise ins Auto stiege, zu Fuß zurück (das Fahrrad ist gerade nicht einsatzbereit), mache freilich nur kleinere Besorgungen und keinen größeren Einkauf. Aber auch das geht.
Jedoch, am folgenden Morgen: Starkregen. Bei solcher Witterung bringe ich die Kinder, die sonst radeln oder zu Fuß gehen, mit dem Auto in die Schule, andernfalls sind sie bei diesem Wind klatschnass, wenn sie drüben ankommen. Also, es geht nicht anders, hier wird das Fasten kurzzeitig unterbrochen, es tut mir leid, und ich habe ein schlechtes Gewissen.
Auch am Folgetag geht das mit der Busfahrt problemlos. An einem anderen Tag kombiniere ich Bus und Bahn, muss nach Bad König. Dazu fahre ich wieder nach Michelstadt und steige dort in den Zug. Alles pünktlich, tadellos. Lediglich die Beine werden nass, weil es regnet und windet. Aber ich bin ja nicht aus Zucker. (Der Satz muss in diesem Winter sowieso öfter herhalten.)
Und am Samstag muss mein Sohn zum Fußballspiel nach Langstadt. Nun gut, da gilt die Wette ohnehin nicht, weil das Ziel außerhalb des Kreisgebietes liegt, aber hier gäbe es auch wirklich keine auch nur halbwegs vernünftige Alternative zum Pkw. Also steigen wir ins Auto, auch wenn sich das für mich in dieser Woche einfach "falsch" anfühlt.

Erkenntnisse
Für den normalen Weg zur Arbeit, meine persönliche "Standardstrecke", ist der Bus eine gute Alternative. Das geht freilich nur an Tagen, an denen ich planbar fest im Büro bin. Habe ich einen Termin in einer Gemeinde, sieht die Sache ganz anders aus, und ich könnte auch nicht, wie manchmal schon, spontan sagen, ich komme nachmittags oder abends auf der Heimfahrt noch kurz vorbei. In dieser Woche hatte ich keinen Termin etwa im Sensbachtal oder in Wald-Amorbach. Das wäre natürlich spannend gewesen. So hat Odenwaldmobil die Wette gewonnen (wobei ich nicht gegengewettet hatte), was mich übrigens freut. Für die (meist ja kurzen) Wege zu Hause/am Ort geht es in dieser Fasten-Woche eigentlich nur, weil vor allem meine Frau manches übernimmt, was ich sonst mache: zum Beispiel Einkaufen, Kinder von A nach B bringen, ...

Was ich mir günstiger vorgestellt hatte, ist eine Zeitkarte. Meine Wochenkarte für den ganzen Odenwaldkreis ist etwa 55 Euro wert, hat Mobilberater Matthias Kusch mir gesagt. Da hätte ich nun so geschätzt: Pro Monat wären das, wenn ich es ganz simpel multipliziere, gut zweihundert Euro. Also kostet eine Beschränkung auf die Strecke Reichelsheim-Michelstadt, die laut Herrn Kusch durchaus möglich wäre, vielleicht 50 Euro pro Monat. Aber, weit gefehlt, die Preisauskunft lautet: Schon eine Wochenkarte schlägt mit 41,30 Euro, eine Monatskarte gar mit 140,50 Euro zu Buche. Das ist mir entschieden zu viel, weil ich wegen meiner Teilzeitstelle nicht jeden Tag fahre und eben auch dann nicht ohne weiteres den Bus nehmen kann, wenn ich noch Termine im Dekanat habe. Also werde ich fortan ab und zu eine Tageskarte kaufen und kann so auch kurzfristig entscheiden, wenn ich den Bus nehmen will. Wenn ich eine Tageskarte nehme, bezahle ich etwas weniger als für zwei Einzelfahrten, nämlich 9,75 statt 10 Euro. Das ist in etwa der Betrag, den ich auch mit dem Auto ansetzen muss, wenn ich die 30 Cent pro Kilometer zugrunde lege, welche auch bei Fahrtkostenabrechnungen veranschlagt werden.

Gut ist die ganze Angelegenheit mit dem Autofasten, um ins Nachdenken zu kommen: Was kann ich auch anders machen, reicht es zeitlich, den Weg zu Fuß zu gehen, will ich die Einkäufe so weit tragen, nehme ich das Auto, weil es "eh da" ist, ... ?

Dankbar bin ich Matthias Kusch und Marcel Bürner für ihre Beratung, Unterstützung und fürsorgliche Betreuung während der gesamten Woche sowie schon lange im Vorfeld. Und nebenbei: Busfahrer leisten Beachtliches. Die großen Fahrzeuge und die enorme Verantwortung für so viele Fahrgäste - zum Beispiel bei Matschglätte - sicher über den Weg zu bringen, verdient Respekt. Schon während meiner Studienzeit in Heidelberg dachte ich: Sollte ich je Marcel Prousts Fragebogen ausfüllen, so wäre meine Antwort auf die Frage nach den Helden der Wirklichkeit: Altstadtbusfahrer.

 

Bernhard Bergmann
13.3.2020


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